Neue DNA-Studie: Hunde begleiten den Menschen seit 15.800 Jahren
Die gemeinsame Geschichte von Mensch und Hund
Was zwei aktuelle Nature-Studien (Veröffentlichung März 2026) über den Ursprung der ältesten Mensch-Tier-Beziehung der Welt verratenWann genau wurde der Wolf zum Hund? Diese Frage gehört zu den großen Rätseln der Archäologie – und beschäftigt Wissenschaftler seit Jahrzehnten. Zwei neue Studien im renommierten Fachjournal Nature (2026) liefern jetzt überraschend klare Antworten – und verschieben den Beginn der Mensch-Hund-Beziehung um Jahrtausende nach hinten: sogar zurück bis in die letzte Eiszeit.
In diesem Beitrag fassen wir die wichtigsten Ergebnisse zusammen, erklären die Methodik dahinter und ordnen ein, was gesichert ist – und was noch offen bleibt.
Hinweis:
Dieser Beitrag basiert ausschließlich auf den zitierten wissenschaftlichen Studien und Pressemitteilungen der beteiligten Universitäten. Alle Quellenangaben finden Sie am Ende des Artikels.

1. Die Kernergebnisse auf einen Blick
Ein internationales Forschungsteam unter Leitung der LMU München, des Natural History Museum London und der University of Oxfordhat die bislang ältesten genetischen Belege für domestizierte Hunde identifiziert. Insgesamt waren 17 Forschungsinstitute weltweit beteiligt.
Ergebnis: Die Knochenfunde aus Pınarbaşı (Türkei) und Gough's Cave (England) sind genetisch eindeutig als Hunde identifiziert worden – und damit die ältesten genetisch bestätigten Exemplare weltweit.
- 15.800 Jahre – Alter des ältesten Fundes (Pınarbaşı, Türkei)
- 14.300 Jahre – Alter des zweiten Fundes (Gough's Cave, England)
- 10.900 Jahre – bisheriger ältester DNA-Nachweis für Hunde
- Über 5.000 Jahre – Verschiebung des frühesten direkten Nachweises
- Über 1.000 Genome moderner und historischer Hunde und Wölfe als Vergleichsdatenbank
📚 Quelle: W. A. Marsh, L. Scarsbrook et al., Nature (2026), DOI: 10.1038/s41586-026-10170-x
Eine zweite, unabhängige Nature-Studie stützt diese Ergebnisse. Das Team unter Anders Bergström (University of East Anglia) analysierte die DNA von 216 Caniden-Skelettresten aus ganz Europa – darunter 181 Proben älter als 10.000 Jahre.
👉 Das älteste Tier, das Bergström und Kollegen genetisch eindeutig als Hund einstuften, stammt aus der Kesslerloch-Höhle in der Schweiz und ist rund 14.200 Jahre alt.
Beide Studien kommen unabhängig voneinander zum gleichen Schluss: Domestizierte Hunde existierten mehrere Jahrtausende früher als bisher genetisch belegt – und waren bereits vor mindestens 14.000 Jahren über große Teile Eurasiens verbreitet.
2. Das Problem: Warum war die Datierung so schwierig?
Die Frage klingt einfach: Wann wurde der Wolf zum Hund? Die Antwort zu finden, ist wissenschaftlich jedoch enorm komplex. Das hat mehrere Gründe:
👉 Die drei Kernprobleme der Hundedomestizierungs-Forschung:
- Morphologische Ähnlichkeit: In den frühesten Phasen der Domestizierung sind die Skelette von Wölfen und Hunden kaum zu unterscheiden
- Fehlende Verhaltensspuren: Verhaltensänderungen – vermutlich die ersten Merkmale nach der Domestizierung – hinterlassen keine Spuren in Knochen
- Seltene Funde: Archäologische Aufzeichnungen aus der Zeit vor der Landwirtschaft sind insgesamt begrenzt
Traditionelle Methoden wie die Analyse von Schädelform, Zahnreihen oder Körperproportionen konnten daher nur grobe Hinweise liefern. Viele Funde, die zuvor als „wahrscheinlich Hund" eingestuft wurden, konnten nicht zweifelsfrei von Wölfen abgegrenzt werden.
Die Lösung: Beide Forschungsteams setzten auf einen grundlegend anderen Ansatz – die Analyse alter Kern-DNA aus dem Zellkern der Knochen.

3. Die Methodik: Was ist Kern-DNA-Analyse?
Um die Ergebnisse richtig einordnen zu können, ist es hilfreich zu verstehen, wie die Forschungsteams vorgegangen sind. Die Methodik ist ein zentraler Teil der Studien und erklärt, warum die Ergebnisse als belastbar gelten.
Was ist Kern-DNA?
Kern-DNA (auch: nukleäre DNA) ist das Erbgut aus dem Zellkern eines Organismus. Anders als mitochondriale DNA, die nur über die Mutterlinie vererbt wird, enthält Kern-DNA das vollständige genetische Profil eines Individuums – einschließlich der Erbinformationen beider Elternteile.
Warum ist das wichtig?
- Kern-DNA erlaubt eine eindeutige genetische Zuordnung – unabhängig davon, wie das Skelett äußerlich aussieht
- Bei archäologischen Funden ist Kern-DNA allerdings stark degradiert und liegt nur in Fragmenten vor
- Die Extraktion erfordert spezialisierte Labortechnik und große Referenzdatenbanken
So gingen die Forschungsteams vor:
Extraktion
Kern-DNA wurde aus den Knochenfunden von Pınarbaşı (Türkei, ca. 15.800 Jahre) und Gough's Cave (England, ca. 14.300 Jahre) extrahiert.
Vergleich
Die gewonnenen DNA-Daten wurden mit einer Referenzdatenbank von über 1.000 Genomen moderner und historischer Hunde sowie Wölfe aus aller Welt verglichen.
Genetische Einordnung
Anhand des genetischen Profils wurde bestimmt, ob die Tiere in die Abstammungslinie domestizierter Hunde oder der Wölfe fallen.
👉 Das Ergebnis war eindeutig: Beide Funde waren genetisch Hunde – und damit die ältesten genetisch bestätigten Exemplare weltweit. Der bisherige Rekord lag bei 10.900 Jahren.
📚 Quelle: Pressemitteilung LMU München, März 2026
4. Was die DNA über die Abstammung verrät
Neben der reinen Datierung liefern die Studien aufschlussreiche Ergebnisse zur Verwandtschaft und Ausbreitungsgeschichte der frühesten Hunde. Einige dieser Befunde waren auch für die Forschenden selbst überraschend.
👉 Verwandtschaftsverhältnisse der frühesten Hunde:
- Die neu identifizierten Hunde waren genetisch enger mit den Vorfahren heutiger europäischer und nahöstlicher Rassen verwandt (z. B. Boxer, Saluki) als mit arktischen Rassen wie dem Siberian Husky
- Die wichtigsten genetischen Linien moderner Hunde waren bereits vor rund 15.000 Jahren angelegt
- Trotz über 4.000 km Entfernung zwischen den Fundorten waren die frühesten Hunde erstaunlich eng verwandt
Das deutet auf eine schnelle Verbreitung domestizierter Hunde über den gesamten eurasischen Raum hin – von Somerset bis Sibirien.
Ein überraschender Befund: Die Rolle europäischer Wölfe
Die zweite Studie (Bergström et al.) ergänzt einen Befund, der auf den ersten Blick kontraintuitiv wirkt:
👉 Alle untersuchten frühen Hunde in Europa trugen Erbgut asiatischer Vorfahren in sich. Europäische Wölfe haben offenbar keinen nachweisbaren genetischen Beitrag zur Entstehung des Hundes geleistet.
Das bedeutet: Obwohl Hunde in Europa schon sehr früh nachweisbar sind, scheint die Domestizierung nicht durch europäische Wölfe erfolgt zu sein.
Die Vorfahren unserer Hunde kamen offenbar aus Asien.
Laut Pontus Skoglund (Francis Crick Institute) deuten die Daten darauf hin, dass Hunde wahrscheinlich aus einer Mischung zweier verschiedener Grauwolf-Populationen hervorgingen. Wo genau diese Vermischung stattfand, ist noch ungeklärt.
📚 Quelle: wissenschaft.de, „DNA enthüllt die Geschichte der frühesten Hunde Europas", 2026

5. Ein Begleiter seit der Eiszeit
Die zeitliche Einordnung ist bemerkenswert. Wenn die Domestizierung tatsächlich vor über 15.000 Jahren begann, fällt sie in eine Periode, die mehr als 10.000 Jahre vor der Domestizierung jedes anderen Tiers oder jeder Pflanze liegt. Der Hund wäre damit nicht nur das älteste Haustier der Menschheit – sondern eine echte Ausnahmeerscheinung in der Kulturgeschichte.
👉 Einordnung: Die Domestizierung von Schafen, Ziegen und Rindern begann vor etwa 10.000 Jahren – im Zuge der neolithischen Revolution. Pflanzen wie Weizen und Gerste folgten im gleichen Zeitraum. Der Hund war also möglicherweise schon 5.000 bis 10.000 Jahre vorher fester Bestandteil menschlicher Gemeinschaften.
Welche Rolle spielten die ersten Hunde?
Welche konkreten Aufgaben die Tiere in den Gemeinschaften der Jäger und Sammler erfüllten, ist noch nicht endgültig geklärt. Das Forschungsteam verweist allerdings auf einen zentralen Punkt:
👉 Unter den Bedingungen begrenzter Ressourcen in der Eiszeit hätten Menschen keine Tiere mitversorgt, die keinen konkreten Nutzen brachten. Die Haltung impliziert, dass die Tiere einen Zweck erfüllten.
Mögliche Funktionen, die das Forschungsteam diskutiert:
- Jagdunterstützung: Hunde könnten bei der Verfolgung und dem Aufspüren von Beute geholfen haben
- Alarmsystem: Als hocheffizientes Frühwarnsystem bei Gefahren – insbesondere nachts
- Kulturelle Bedeutung: In der Gough's Cave erstreckten sich menschliche Bestattungspraktiken auch auf Hunde – ein Hinweis auf eine über das Funktionale hinausgehende Bindung
- Austausch zwischen Gruppen: Die Forschenden vermuten, dass verschiedene Jäger-Sammler-Gruppen Hunde aktiv untereinander austauschten
📚 Quelle: VBIO – Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin, 2026

6. Wie belastbar sind die Ergebnisse?
Bei wissenschaftlichen Studien ist es wichtig, nicht nur die Ergebnisse zu betrachten, sondern auch deren Belastbarkeit einzuordnen. Wir möchten hier transparent sein:
Stärken der Studien:
- Peer-Review in Nature – einem der renommiertesten wissenschaftlichen Journals weltweit
- Zwei unabhängige Studien kommen zu übereinstimmenden Ergebnissen
- 17 Forschungsinstitute beteiligt – breite internationale Expertise
- Vergleich mit über 1.000 Referenzgenomen – große Datenbasis
- Klare genetische Zuordnung, die über morphologische Mehrdeutigkeit hinausgeht
Was noch offen bleibt:
- Der genaue Ort der ersten Domestizierung ist weiterhin unbekannt
- Unklar, ob es sich um ein einmaliges Ereignis handelte oder mehrere unabhängige Domestizierungen stattfanden
- Die konkreten Funktionen früher Hunde bleiben Hypothesen
- Der Übergang von Wolf zu Hund war vermutlich ein gradueller Prozess über viele Generationen
👉 Fazit zur Belastbarkeit:
Die genetischen Befunde sind wissenschaftlich solide und durch zwei unabhängige Studien gestützt. Die Datierung auf mindestens 15.800 Jahre gilt als gesichert. Die Rekonstruktion des sozialen Zusammenlebens von Mensch und Hund bleibt jedoch methodisch eine eigene Herausforderung.
7. Was das für unser Verhältnis zum Hund bedeutet
Die neuen Daten verändern nicht das Zusammenleben mit unseren Hunden heute – aber sie vertiefen das Verständnis dafür, wie grundlegend diese Beziehung ist.
15.800 Jahre sind kein Zufall. Sie sind Ausdruck einer Co-Evolution, die durch die härtesten Bedingungen der Menschheitsgeschichte hindurch Bestand hatte – durch Eiszeiten, Wanderungen und den Übergang zur Sesshaftigkeit. Der Hund war dabei. Immer.
Für alle, die sich wie wir bei Dogisfaction mit der Frage beschäftigen, was Hunde wirklich brauchen, liefert die Forschung eine klare Botschaft:
👉 Die Verbindung zwischen Mensch und Hund ist keine kulturelle Erfindung der Neuzeit. Sie reicht in eine Zeit zurück, in der Europa unter Eis lag – und sie hatte von Anfang an eine funktionale Grundlage auf Gegenseitigkeit.
Wenn wir heute die Bedürfnisse unserer Hunde ernst nehmen – ob bei Ernährung, Beschäftigung oder Pflege – dann ehren wir damit eine Partnerschaft, die älter ist als der Ackerbau, älter als die Töpferei und älter als jede andere Beziehung zwischen Mensch und Tier.
Häufige Fragen zum Thema
Was genau wurde entdeckt?
Ein internationales Forschungsteam hat an zwei jungpaläolithischen Fundstätten – in der Türkei und in England – die ältesten genetisch bestätigten Hunde identifiziert. Der älteste Fund ist rund 15.800 Jahre alt. Der bisherige älteste DNA-Nachweis lag bei 10.900 Jahren – eine Verschiebung um über 5.000 Jahre.
Warum konnte man das vorher nicht feststellen?
Die Skelette früher Hunde und Wölfe sehen nahezu identisch aus. Erst die Analyse alter Kern-DNA – also des Erbguts aus dem Zellkern – erlaubt eine eindeutige Zuordnung, die über die äußere Form des Skeletts hinausgeht. Diese Technik stand in der erforderlichen Präzision erst in den letzten Jahren zur Verfügung.
Wo wurde die Studie veröffentlicht?
Beide Studien erschienen 2026 im Fachjournal Nature – einem der renommiertesten wissenschaftlichen Zeitschriften weltweit. Die federführenden Institutionen waren die LMU München, das Natural History Museum London und die University of Oxford.
Weiß man jetzt, wo Hunde zuerst domestiziert wurden?
Nein. Der genaue Ort der ersten Domestizierung ist weiterhin ungeklärt. Die Funde zeigen, dass Hunde bereits vor 15.000 Jahren über weite Teile Eurasiens verbreitet waren – von England bis Sibirien. Das deutet darauf hin, dass die Domestizierung noch deutlich weiter zurückliegen könnte.
Waren die frühesten Hunde mit heutigen Rassen verwandt?
Ja. Die genetischen Daten zeigen, dass die frühesten Hunde enger mit den Vorfahren heutiger europäischer und nahöstlicher Rassen verwandt waren – etwa dem Boxer oder dem Saluki – als mit arktischen Rassen wie dem Siberian Husky. Die Grundlinien heutiger Hunderassen waren also bereits vor 15.000 Jahren angelegt.
Sind Hunde aus europäischen Wölfen entstanden?
Nach aktuellem Forschungsstand nicht. Alle untersuchten frühen Hunde in Europa trugen Erbgut asiatischer Vorfahren in sich. Europäische Wölfe haben offenbar keinen nachweisbaren genetischen Beitrag geleistet. Die Domestizierung scheint also anderswo stattgefunden zu haben.
Welche Rolle spielten Hunde bei Jägern und Sammlern?
Das ist noch nicht endgültig geklärt. Die Forschenden vermuten Funktionen wie Jagdunterstützung, Alarmfunktion bei Gefahren und möglicherweise kulturelle Bedeutung. In der Gough's Cave erstreckten sich menschliche Bestattungspraktiken auch auf Hunde – ein Hinweis auf emotionale oder kulturelle Bindung.
Warum sind es zwei Studien?
Zwei unabhängige Forschungsteams veröffentlichten ihre Ergebnisse parallel in Nature. Die Studie von Marsh/Scarsbrook et al. identifizierte die ältesten Hunde in der Türkei und England. Die Studie von Bergström et al. analysierte 216 Caniden-Skelette in ganz Europa. Dass beide Teams unabhängig voneinander zu übereinstimmenden Ergebnissen kommen, stärkt die Belastbarkeit der Befunde erheblich.
Quellen und weiterführende Informationen
Fachquellen, Links, Nachweise, Verweise:
- Nature (2026) – W. A. Marsh, L. Scarsbrook et al.: Dogs were widely distributed across Western Eurasia during the Palaeolithic
- Nature (2026) – A. Bergström et al.: DNA-Analyse von 216 Caniden-Skelettresten in Europa
- LMU München – Pressemitteilung: Weltweit älteste Hunde-DNA entdeckt
- wissenschaft.de – DNA enthüllt die Geschichte der frühesten Hunde Europas
- Archäologie Online – Weltweit älteste Hunde-DNA entdeckt
- VBIO – Domestizierung möglicherweise früher als gedacht





